Automobilzulieferer müssen umdenken

Der Trend zu elektrisch betriebenen, digital vernetzten und mit Leichtbauteilen ausgestatteten Modellen wird bereits in den ­nächsten fünf Jahren die Zahlungsfähigkeit einzelner Automobilzulieferer spürbar verschlechtern. Finanzielle Engpässe drohten kleineren und mittleren Firmen, die klassische Getriebe, Verbrennungsmotoren und Komponenten dafür herstellen, aber auch Metallverarbeitern und Anbietern von Bauteilen für Abgassysteme, prognostiziert der internationale Kreditversicherer Atradius.

Von Michael Karrenberg, Regional Director Risk ­Services Germany, Central, North, East Europe & Russia/CIS, Atradius

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Der Automobilbranche geht es gut, und auch der Abgasskandal, mit dem einige große Automobilhersteller zu kämpfen haben, trübt die Kaufstimmung nicht. Laut Kraftfahrtbundesamt wurden im Mai 2017 323.952 Pkw zugelassen. Damit lag das Neuzulassungsergebnis 12,9% über dem Vorjahr. Benziner bildeten mit 56,8% (+22,6%) die häufigste Kraftstoffart bei den zugelassenen Modellen, gefolgt von Dieselmodellen, die mit 40,4% nur um 1,4% zurückgingen. Noch liegen die alternativen Antriebe beim Vergleich mit den klassischen Antrieben hinten. Aber: Fahrzeuge mit Hybridantrieb legten mit 6.843 Zulassungen um 134,0% zu, darunter Plug-in-Hybride (2.323) um 193,3%. Elektrisch betriebene Pkw (1.520) zeigten ein Plus von 158,5%.

Blicken wir in die Zukunft, werden sich der Hybrid- bzw. der elektrische Antrieb allerdings weiter durchsetzen, was vermutlich schon innerhalb der nächsten zehn Jahre einen radikalen Wandel im Autobau nach sich ziehen dürfte. Automobilzulieferer, deren Produkte zukünftig an Bedeutung verlieren, dürften mittelfristig ins Hintertreffen geraten, wenn sie über wenig Kapital verfügen, lokal agieren und jetzt keinen Schwerpunkt auf Forschung und Entwicklung setzen. Positiv für die Branche: Der Bedarf an Mobilität steigt in den nächsten Jahrzehnten weiter, nicht zuletzt durch die wachsende Weltbevölkerung.

Schon heute sind viele Carsharingfahrzeuge in den Städten zu sehen. War das Auto gestern noch ein Statussymbol, steigt heute besonders in engen Großstädten das Interesse an wendigen, elektrobetriebenen Stadtflitzern, die einfach zugänglich sind. Weiterer Grund: Die Kosten für ein Kraftfahrzeug gehören zu den teuersten Positionen im Familienbudget.

Neue Anforderungen an die Hersteller

Das wachsende Umweltbewusstsein, die veränderte Verbrauchernachfrage und nicht zuletzt auch politische Vorgaben stellen neue Anforderungen an künftige Modelle. Die Produktion von Fahrzeugen mit klassischem Verbrennungsmotor wird zurückgehen. In der Folge werden der Anteil der Hybrid- und im Anschluss der Anteil der Elektrofahrzeuge steigen.

Aktuell konkurrieren die E-Autos noch nicht mit klassisch angetriebenen Fahrzeugen, unter anderem, da die Reichweiten noch nicht ausreichend sind. Die chinesische Konkurrenz arbeitet schon kräftig daran. So forscht das chinesische Start-up Nio an einer E-Limousine mit 1.000 km Reichweite. Alternative Antriebstechnologien wie Hybrid und Elektro werden schätzungsweise bis 2030 in rund 50% der hergestellten Fahrzeuge zum Einsatz kommen.

Damit einher gehen ein rasanter Innovationswettbewerb und eine steigende technische Komplexität in den Automobilen. Beides führt dazu, dass von den Zulieferern so viel Forschungs- und Entwicklungsaufwand verlangt wird wie nie zuvor. Auf Firmen, die sich auf die „alte“ Mobilität spezialisiert haben, erhöht sich der finanzielle Druck weiter. Um am Markt bestehen zu können, müssen sie sich zügig verändern. Schwer haben es kleine und mittlere Akteure, denen selbst die Kapazitäten fehlen, um Innovationen zu entwickeln und umzusetzen. Sie sind darauf angewiesen, finanzstarke Kooperationspartner zu finden.

Kleine Zulieferer kämpfen schon länger mit Problemen

Bereits in den vergangenen Jahren hat sich die Profitabilität kleinerer Automobilzulieferer rasch verschlechtert, wenn ihre Produkte substituierbar wurden und sie hohem Konkurrenzdruck ausgesetzt waren. Die Margen sind insgesamt zurückgegangen. Zwar ist in unmittelbarer Zukunft noch keine generelle Verschlech­terung des Zahlungsrisikos einzelner Zuliefererbereiche zu erwarten. Mittelfristig wird sich die Zahl der Zahlungsverzögerungen und -ausfälle in einigen Bereichen aber erhöhen, wenn diese nicht bereit sind für den Wandel bzw. nicht über notwendige Ressourcen verfügen. Ein erhöhtes Liquiditätsrisiko sehen wir bei kleinen und mittleren Zulieferern, die ein wenig diversifiziertes Produktportfolio haben, weder global aufgestellt noch kapitalmarktfähig sind und in einem Segment agieren, das keine Zugänge zu Märkten außerhalb des Automobilbereichs bietet.

Die Insolvenzgefahr bei größeren Zulieferern, die die Autohersteller direkt beliefern und eine große Markt- und Preissetzungsmacht besitzen, ist dagegen gering. Ihnen stehen in den meisten Fällen ausreichend Mittel zur Verfügung, um auf die aktuelle Branchenentwicklung zu reagieren. Das Ausfallrisiko für einen Lieferantenkredit wird bei Atradius bei allen Abnehmern im Automobilbereich individuell auf Basis von Finanzkennzahlen und weiteren Daten geprüft.

Gewinnerbranchen der „neuen“ Mobilität

Zu den Gewinnern der aktuellen Entwicklung zählen wir vor allem Firmen mit Leichtbau-Know-how, Batteriehersteller und Stromanbieter sowie Softwareunternehmen. Die Nachfrage bei Anbietern von Kunststoffen, mit denen sich Metallteile in Autos ersetzen lassen, weshalb in der Folge die Gewichtseinsparung zu weniger Kraftstoffverbrauch und CO2-Ausstoß führt, wird weiter steigen. Darüber hinaus werden Heizungs-, Klima- und Isolationstechnologien noch stärker zur Anwendung kommen. Je mehr elektronische Antriebe Einzug in die Pkws finden, desto mehr werden Anbieter von Batterien und Strom gefragt sein.

Deutschland belegt bis dato eine schlechte Startposition hinsichtlich solch strategischer Automobilkomponenten von morgen. Mit Blick auf die Hersteller von Batterien für E-Autos hat z.B. Panasonic die Nase vorn. Der Markt wird ausnahmslos von asiatischen Herstellern beherrscht. Auch hier zeigt sich die Notwendigkeit von zeitnahen Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen.

Vielfältige Chancen dürften sich langfristig für Produkte und Services von Softwareunternehmen ergeben, die die Technik für vernetzte Autos liefern –  insbesondere, wenn in Zukunft Rechtssicherheit in Bezug auf autonome Fahrsysteme besteht. Wie schnell sich das vollvernetzte Auto dann durchsetzen wird, hängt letztlich davon ab, wann der überwiegende Teil der Menschen die neuen Technologien akzeptiert und ihr im Hinblick auf Fahrsicherheit und Datenschutz vertraut. Dadurch kann sich aber das unternehmerische Risiko für den Hersteller unter Umständen wieder erhöhen, wenn die Haftung bei einem Unfall eines autonom gesteuerten Fahrzeugs bei ihm liegt.

michael.karrenberg@atradius.com

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