Indiens waghalsige Reformen bergen Chancen

Bargeldreform und neue Umsatzsteuer – nach vielen Jahren zähen Ringens hat die indische Regierung den gordischen Knoten der internen Wachstumshemmnisse mit zwei Schlägen durchtrennt. Wenn die Goods and Services Tax am 1. Juli 2017 (oder etwas später) die zahlreichen nationalen, bundesstaatlichen und lokalen Umsatzsteuern in ein zentrales System überführt, ist der Weg frei für einen einfacheren und günstigeren Vertrieb im Land.

Von Gunther Schilling, Leitender Redakteur ­ExportManager,
FRANKFURT BUSINESS MEDIA

Beitrag als PDF (Download)

25 Jahre Reformen

Seit Premier Narasimha Rao 1991 mit einem ersten Liberalisierungsschub in Industrie und Außenwirtschaft auf die drohende Zahlungsunfähigkeit des Landes reagierte, haben sich ­indische Regierungen in unzähligen Anläufen der Reform des Binnenhandels angenommen. Der heutige Leiter der Düsseldorfer Dependance der AHK Indien, Dirk Matter, hat dazu 1999 für die Friedrich-Ebert-Stiftung eine kurze und gute Zusammenfassung erstellt.

Nun scheinen Premier Narendra Modi mit der Unterstützung durch  seine landesweit dominierende Bharatiya Janata Party zwei wichtige Schritte zur Belebung des Binnenmarktes zu gelingen: die Formalisierung und Digitalisierung des Zahlungsverkehrs sowie die Vereinfachung und Vereinheitlichung der Besteuerung. Und nebenbei erschweren beide Schritte die Korruption im Land.

Bargeldlos bezahlen

Mit einem Federstrich erklärte die indische Regierung am 9. November 2016 die Banknoten mit den größten Nennwerten (500 bzw. 1.000 Indische Rupien) für ungültig. Sie konnten nur noch auf Bankkonten eingezahlt werden, um neue Banknoten zu erhalten. Da diese Banknoten nicht sofort verfügbar waren, wurden die bislang zu 90% in bar erfolgenden Zahlungen zunehmend elektronisch abgewickelt. Die Reform zwingt die schätzungsweise 600 Millionen kontenlosen Inder also in das Bankensystem und damit in den formalen Zahlungsverkehr.

Auch die Verbreitung mobiler Zahlungssysteme auf Smartphones dürfte gefördert werden. Dass dieser Weg auch in Indien möglich sein sollte, zeigt das Beispiel Afrikas, wo sich mobiles Bezahlen auch bei geringen Einkommen auf dem Land schnell entwickelt hat. Der Vorreiter M-Pesa, der seit zehn Jahren in Kenia aktiv ist, hat nach Angaben des Direktors für mobile Bezahlsysteme der M-Pesa-Mutter Vodaphone, Michael Joseph, gegenüber der britischen Zeitung The Telegraph  inzwischen auch in Indien 8,4 Millionen registrierte und 1,8 Millionen aktive Nutzer.

Auch die deutsche Metro konnte von der Bargeldreform profitieren. Arvind Medi-ratta, CEO von Metro Cash and Carry India, berichtete in einem Pressegespräch  von einem Kollaps des traditionellen Großhandels in Indien und einem starken Umsatzwachstums bei Metro.

Steuergünstig liefern

Einen längeren Anlauf als die Bargeldreform nahm die Reform der indirekten Steuern in Indien. Die Einführung der Goods and Services Tax nimmt nach der Entscheidung des Zentralparlaments Ende März 2017 nun den Weg durch die Bundesstaaten. Uttar Pradesh will das ­entsprechende Gesetz am 15. Mai beschließen und folgt damit Jharkhand, Telangana, Bihar und Rajasthan. Von der Reform sind die Bundesstaaten direkt betroffen: Die Vereinheitlichung der Umsatzsteuer führt zur Abschaffung der zwischen den Bundesstaaten unterschiedlichen Besteuerung von Gütern und Dienstleistungen.

Von der Steuerreform profitieren nicht nur Logistiker, die nun schneller und mit weniger Bürokratie liefern können. Auch die Bundesstaaten, die bislang durch eine ungünstige Besteuerung Nachteile bei der Standortwahl von Unternehmen hatten, können nun ihre Vorteile besser ausspielen. Der Deutschen Verkehrszeitung berichteten Logistikunternehmen wie ITG, APL und Dachser bereits von deutlichen Erleichterungen, die sie mit der Umstellung der Besteuerung erwarten.

Auch der Automobilhersteller Mercedes-Benz setzt bei der Absatzplanung für das zweite Halbjahr 2017 auf die Einführung der GST. Nach einem einstelligen Wachstum im ersten Halbjahr dürften die Verkaufszahlen in den folgenden sechs Monaten bei einer Einführung der GST zweistellig zulegen, sagte der dortige Geschäftsführer Roland Folger im April der Presse.

Doch die Einführung der neuen Steuer ist aufwendig, da zunächst alle Güter und Dienstleistungen von der Verwaltung den fünf Steuersätzen zugeordnet werden müssen. Die entsprechenden Listen müssen in den Unternehmen in die vorhandenen Systeme eingepflegt werden. Insgesamt dürften sich die Umstellungskosten in den Unternehmen aber langfristig auszahlen.

Angesichts der knappen Frist bis zum Stichtag 1. Juli trägt die Einführung der Goods and Services Tax Züge der überstürzten Bargeldreform. Doch an der langfristigen Wirkung der Reformen bestehen kaum Zweifel: Die Vereinfachung des Handels dürfte die indische Wachstumsrate um einige Prozentpunkte erhöhen. Der Internationale Währungsfonds sieht die indische Wirtschaft bereits im Jahr 2022 unter den fünf führenden Volkswirtschaften der Welt, wenn die Reformen weitergehen.

gunther.schilling@frankfurt-bm.com

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.